BORN-DIGITAL – Digitales Material als Herausforderung für die Musikwissenschaft


Symposium der Fachgruppe Digitale Musikwissenschaft
Jahrestagung der Gesellschaft für Musikforschung, Osnabrück 25.–28. September 2018

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Die Musik spielt längst digital. – Für die unterschiedlichen Bereiche der Musikforschung birgt dies ohne Frage vielfältige Zukunftsaufgaben und fordert eine digitale Musikwissenschaft heraus, die sich der Entwicklung digitaler Methoden ebenso widmet wie jener Fülle digitalen Materials, das überall dort entsteht, wo Musik in digitalen Umgebungen erfunden, gemacht, produziert, publiziert, verteilt, gespeichert, rezipiert und analysiert wird, um nur einige Grundmodi digitaler musikbezogener Praxen anzudeuten. Vorrangiges Ziel des Fachgruppensymposiums ist es, die verschiedenen Bereiche des Faches über die Fragen, die mit den digitalen Phänomenen, Erzeugnissen, Arbeitsweisen, Instrumenten und Überlieferungen der Musik- wie auch der Forschungskultur der zurückliegenden Jahrzehnte bis heute einhergehen, miteinander ins Gespräch zu bringen. Für analytische, historiografische, ethnografische, organologische, editorische, archivalische und viele andere Zugänge zur Musik kann sich die Digitalität des Materials als gemeinsamer Anknüpfungspunkt erweisen und unter Umständen sogar als große Chance für ganz neue Kooperationen.
Angedacht ist in diesem Sinne für das halbtägige Symposium, drei Hauptvorträge (à 20 Minuten) einzuwerben, die die Thematik aus je unterschiedlicher fachlicher Richtung mit grundsätzlichem Anspruch in den Blick nehmen. In Kurzvorträgen (Lightning Talks à ca. 8 Minuten) sollen in einem zweiten Teil möglichst viele Stimmen aus der Fachgruppe und darüber hinaus mit prägnanten Thesen und/oder Beispielen zu Wort kommen, die im Anschluss im Plenum weiterdiskutiert werden.
Das Vorbereitungsteam bittet um Vorschläge (Abstracts bis max. 500 Wörter) für
Lightning Talks und Hauptvorträge bis 22. April 2018 per E-Mail an
andreas.muenzmay@uni-paderborn.de.

Benjamin Bohl
Dominik Leipold
Andreas Münzmay
Frederic von Vlahovits
Barbara Wiermann

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Memorandum der Gesellschaft für Musikforschung zur Schaffung nationaler Forschungsdateninfrastrukturen (NFDI)


Im April 2017 hat der Rat für Informationsinfrastrukturen (RfII) mit der Veröffentlichung des Diskussionspapiers Schritt für Schritt – oder: Was bringt wer mit? (das seinerseits auf dem umfangreicheren Papier Leistung aus Vielfalt vom Mai 2016 beruht) einen „wissenschaftsweiten Diskurs“ über geeignete Wege zur Schaffung einer vernetzten nationalen Forschungsdateninfrastruktur angeregt und die wissenschaftlichen Communities bzw. Fachgemeinschaften ausdrücklich zur Mitwirkung aufgerufen.

Die GfM ist mit ca. 1.600 Mitgliedern im In- und Ausland die größte Vereinigung von Fachvertreter und -vertreterinnen der Musikwissenschaft. Im Herbst 2017 wurde innerhalb der GfM eine Fachgruppe „Digitale Musikwissenschaft“ eingerichtet, die sich ausdrücklich der Reflexion von Konsequenzen der Digitalisierung in all ihren Facetten für die Musikwissenschaft und dabei vor allem dem großen Bereich der Nachhaltigkeit digitaler Forschungsarbeiten, der Stabilität und Langzeitverfügbarkeit von Daten sowie Präsentationsformen widmet. Mit ihrer breiten Beteiligung an großen Quellenerschließungs- und Digitalisierungsprojekten und den großen Editionsvorhaben nimmt die deutsche Musikwissenschaft aktiv sowohl an der technischen und fachlichen Gestaltung des globalen digitalen Raumes wie an der kultur- und wissenschaftspolitischen Debatte über die Digitalisierung von Kulturgütern teil. Gerade weil sie mit ihrer langjährigen Forschungsexpertise zahlreiche und vielfältige Anwendungsfälle für den Schritt in die digitale Welt bereitstellen konnte, führte dies zu Synergien, die Standardbildungen und Forschungsstrukturen begünstigte. Folgerichtig gehörte die Musikwissenschaft zu den wenigen kunstwissenschaftlichen Disziplinen, die bereits in der ersten Förderphase am deutschen Zweig des EU-Projekts DARIAH beteiligt waren und grundlegende fachspezifische Informationen und Empfehlungen zu Datenformaten und Metadaten zusammengetragen haben.

Die Musikforschung gehört also zu den geisteswissenschaftlichen Disziplinen, die sich den Veränderungen durch die Digitalisierung in besonderem Maße gestellt haben, da diese an die Grundlagen ihrer Konzepte und Methoden rühren und sich auf spezifische Gegebenheiten der Gegenstände ihrer Forschungen beziehen, die im Hinblick auf die Einrichung einer NFDI mit zu bedenken sind. Die GfM begrüßt ausdrücklich die vom RfII ausgegebene Empfehlung zum Aufbau eines Netzes intensiv kooperierender, jeweils fachorientierter Datenzentren.

Der im Fach zentrale Forschungsgegenstand – nämlich Musik, Musikkultur, Musikdenken usw. als künstlerisches und kulturelles Erbe und globale Praxis – verlangt in besonderer Weise spezialisierte, fachnahe Lösungen für ein nachhaltiges Forschungsdatenmanagement, das der kulturellen Bedeutung, der medialen Komplexität und nicht zuletzt auch rechtlichen Aspekten im Umgang mit dem Gegenstand des vielfältigen Faches gerecht wird. Die GfM unterstützt daher die in den Papieren des RfII formulierten Anliegen nachdrücklich und möchte die Bereitschaft signalisieren, aus der Sicht der Musikforschenden diesen Prozess der weiteren Ausbildung und Verstetigung von Forschungsdateninfrastrukturen konstruktiv-kritisch zu begleiten und zunächst die folgenden Punkte in die Diskussion einbringen:

  1. Der Verband der Historiker und Historikerinnen Deutschlands (VHD) hat in seinem Positionspapier zu den NFDI bereits deutlich darauf hingewiesen, dass in den geisteswissenschaftlichen Fachkulturen ein umfassendes Verständnis des Begriffs „Forschungsdaten“ zur Geltung kommt und sicherzustellen ist, dass diese Daten als Bestandteile unseres kulturellen Gedächtnisses nicht zeitlich befristet, sondern wie kulturelle Objekte in Archiven und Bibliotheken „vom Prinzip her für immer bereitgestellt werden sollen.“ Die Forderung nach einem umfassenden, fachdisziplinär geprägten Forschungsdatenmanagement und nach einer nachhaltigen Einbindung der Gedächtnisinstitutionen, deren traditionelle Aufgabe der Bewahrung von Kulturgut nun auch das digital überlieferte einbezieht, ist daher aus unserer Sicht mit Nachdruck zu bekräftigen. Gerade die besondere Situation der Kunst- und Kulturwissenschaften bringt es mit sich, dass kulturelle und künstlerische Objekte wichtiger Bestandteil von Forschungsdaten sind, so dass hier eine scharfe Unterscheidung etwa zwischen der Sicherung von kulturellen bzw. künstlerischen Objekten und von Forschungsdaten vielfach nicht sachgerecht wäre. Gedächtnisinstitutionen wie Archive und Bibliotheken erweitern sich über ihre traditionellen Funktionen hinaus vor diesem Hintergrund zu Zentren des Datenmanagements für die Wissenschaft. Gerade aus Sicht der Musikwissenschaft, die auf der Ebene der Gegenstände ihrer Forschung auf enge Kooperation mit diesen Institutionen angewiesen ist, muss dies in der öffentlichen Wahrnehmung stärker vermittelt und mit entsprechenden dauerhaftem Mittelaufwuchs über Projektperspektiven hinaus unterlegt werden.
  1. In den vom Verband Digital Humanities im deutschsprachigen Raum (DHd) veröffentlichten The­sen Digital Humanities 2020 wird unter Punkt 2.4 („Die Digital Humanities und die Virtuellen Infrastrukturen“) hervorgehoben, dass die Fachwissenschaften von Infrastrukturen profitieren können, die einerseits inhaltsneutrale generische Dienste (z. B. für kontrollierten Datenzugriff oder für die Vergabe permanenter Identifikatoren) zur Verfügung stellen, andererseits aber auch projektübergreifende fachbezogene Dienste oder Visualisierungs- und Analysewerkzeuge für häufig verwendete Datentypen anbieten. Schon dort wird kritisch vermerkt, dass die Projekte bereit sein müssen, solche Infrastrukturen zu verwenden und das nur tun, wenn diese „ihre Aforderungen auch wirklich erfüllen“. Das Positionspapier des VHD verdeutlicht, dass in etlichen Fällen bei der Anwendung solcher Dienste „die Wandelbarkeit in der Zeit und der Umgang mit Ungenauigkeiten und fehlenden Informationen eine große Herausforderung des Datenmanagements in der Fachdisziplin“ darstellen und zu Problemen bei den aufzubauenden Datenbeständen führen können. Aus Sicht der Musikwissenschaft, die es zudem mit besonderen, beispielsweise in den Text- oder Bildwissenschaften nicht auftretenden Datenformen zu tun hat, die häufig ein erhebliches Interpretationspotential bieten, erscheint eine solche, auf die Spezifika des Faches achtende Herangehensweise dringlich geboten, zumal auch an die Analyse- und Darstellungswerkzeuge entsprechende, für die Gegenstände charakteristische Anforderungen gestellt werden. Ebenso erfordert der Aufbau von musikspezifischen Datenkorpora erhebliche, mit den Lösungsansätzen der Text- oder Bildwissenschaften in aller Regel nicht zu bewältigende Anstrengungen. Auch vor diesem Hintergrund erscheint das vom RfII vorgegebene Bild eines (offenen) Netzwerks aus vielfältigen – darunter vor allem fachnahen – Knoten, die in die übergreifenden Strukturen ihr fachspezifisches Datenmanagement einbringen, als eine wünschenswerte Leitvorstellung bei der Entwicklung der NFDI. Diese Vorstellungen haben auch der Verband DHd und deren AG Datenzentren in ihrer Stellungnahme unterstützt. Die bisherigen Erfahrungen – insbesondere im Bereich digitaler Musikedition – haben gezeigt: Nur in Kooperation mit fachnahen Datenzentren können Lösungen entstehen, die wirklich gegenstandsadäquat sind, die zugleich aber nicht Insellösungen bleiben, wenn sie sich an Entwicklungen in nationalen und internationalen Forschungskontexten orientieren. Die Vorteile übergreifender, inhaltsneutraler Systeme müssen in Einzelprojekten stets mit den fachspezifischen Lösungen kombiniert werden, um eine wirkliche Unterstützungsfunktion im Forschungsprozess zu erreichen. Für musikethnographische, musiksoziologische und musikpsychologische wissenschaftliche Datenerhebung, -verarbeitung und -auswertung, aber auch für Bereiche wie Musikanalyse oder für das weite Feld historischer Quellenforschung und -aufarbeitung gilt dies im selben Maße. So sehr die Berücksichtigung von Datenstandards und anderer internationaler Normen sowie die fachinterne und fachübergreifende Kooperation mit Blick auf die digitale Zukunft in unserem Fach noch gefördert werden müssen, so darf auf der anderen Seite keine nationale Infrastruktur entstehen, die keine Experimente mehr wünscht und das wissenschaftliche Denken außerhalb prädeterminierter Formate und Technologien nicht mehr fördert. Wissenschaftliche Neuerungen haben sich häufig jenseits eingefahrener Bahnen entwickelt und dies sollte bei allen Plädoyers für die als Voraussetzung eines intensivierten Datenaustausches notwendigen Standardisierungszwänge (die dann bei Projektanträgen sehr konkret werden können) bedacht werden. Ein Netzwerk, wie das vom RfII angestrebte, könnte die dafür notwendige Offenheit bieten. Ein solches offenes Netzwerk stellt bereits jetzt die AG Datenzentren innerhalb des DHd-Verbands dar, die den Erfahrungsaustausch mit dem Bestreben nach rationellerer Arbeitsteilung und nachfrageorientierter Entwicklung nachhaltiger Dienste kombiniert. Notwendig ist eine von Bund und Ländern gemeinsam dauerhaft öffentlich getragene Infrastruktur solcher fachbezogener und vom Sitzland der Forschungsprojekte unabhängig und über die Projektlaufzeit hinaus nutzbarer Zentren. Überdies müssen Projekt-Förderstrukturen im Bereich kunst- und kulturwissenschaftlicher Projekte ausdrücklich auch digitale Dienstleistungen einbeziehen.
  1. Bei der Einrichtung Nationaler Forschungsdateninfrastrukturen (NFDI) ist im Rahmen der Geistes-, Kunst- und Kulturwissenschaften zu bedenken, dass „Daten“ aus unterschiedlichsten Bereichen erhoben und in neuartiger Weise miteinander verknüpft werden und damit Kunst- und Kulturgüter sowie künstlerische und kulturelle Praktiken zugänglich machen oder zugänglich halten. Die Kunst- und Kulturwissenschaften erzeugen nicht nur Daten „über“ Objekte (durch Metadaten oder Annotationen), sondern diese Objekte sind (in der Regel als digitalisierte Repräsentationen) untrennbarer Bestandteil des Forschungs- und Vermittlungsprozesses und werden gleichzeitig – soweit möglich – in dieser digitalen Repräsentation für die breite Öffentlichkeit zugänglich. Im Rahmen einer künftig engeren Kooperation zwischen der Wissenschaft und den solche hybriden Forschungsdatenkomplexe bewahrenden Gedächtnisinstitutionen ist zu verdeutlichen, dass der freie Zugang zu dieser reichhaltigen kulturellen Überlieferung einen (dauerhaft zu finanzierenden) Dienst der NFDI und der an ihnen beteiligten Partner für die Öffentlichkeit darstellt und über die Wissenschaftsförderung hinaus eine breitere öffentliche Förderung voraussetzt. Dies bedeutet, dass im Zuge der politisch gewollten Digitalisierungskampagnen die gesellschaftliche Bedeutung der kulturellen Überlieferung in der Öffentlichkeit sehr viel breiter thematisiert werden muss, um langfristig diesen kulturellen Objekten dauerhafte Förderung zu sichern.
  1. Der Umgang mit dem Kulturgut Musik und musikbezogenen Daten ist geprägt von diffizilen urheber-, verwertungs- und persönlichkeitsrechtlichen Bedingungen. Dies gilt für notierte bzw. kodierte Musik ebenso wie für Bild-, Audio- oder Video-Daten (bzw. Formen von „mixed media“) und selbstredend auch beispielsweise für musikethnographische, ‑pädagogische, -psychologische oder -soziologische Forschungsdatenbestände. Überdies sind Kunst- und Kulturwissenschaften in eine differenzierte Landschaft von Verwertern (Verlagen, Musiklabels etc.) eingebunden, die selbst Teil kultureller Praktiken sind und sich in ihrer Vielfalt von der Verwertungs- und Verlagssituation anderer Wissenschaftszweige deutlich unterscheidet. Die GfM betrachtet im Sinne von Open Access und Open Science den freien Zugang zu Daten als eine wichtige Voraussetzung für Forschung, wobei aber gleichzeitig bei vielen Gegenständen die fachspezifischen Bedingungen wie die geltende Rechtslage flexible Lösungen erfordern. Die Relevanz von Forschungsgegenständen (etwa im Zusammenhang mit Antragsbewilligungen, aber genauso in Bezug auf die Archivierungswürdigkeit) darf unter keinen Umständen anhand äußerlicher Vorfestlegungen oder Automatismen, wie etwa einem pauschalen Zwang zu freier öffentlicher Zugänglichkeit, bemessen werden. Der NFDI-Prozess muss eine Klärung rechtlicher Fragen unter Berücksichtigung der fachwissenschaftlichen Bedürfnisse einschließen und dauerhaft begleiten. Zugleich muss bei der Verwirklichung generischer Rechtemanagement-Dienste (Authentifizierungs- und Autorisierungsinfrastrukturen) auf die spezifischen Bedürfnisse künstlerischer und kultureller Gegenstände und Kontexte Rücksicht genommen werden.

Kassel, Januar 2018
Prof. Dr. Dörte Schmidt (Präsidentin der GfM)
Prof. Dr. Ulrich Konrad (Vizepräsident der GfM)

Bei Rückfragen wenden Sie sich bitte an die Geschäftsstelle:
Gesellschaft für Musikforschung e.V.
Frau Pamela Wagener
Heinrich-Schütz-Allee 35
D-34131 Kassel
E-Mail: G.f.Musikforschung@T-Online.de

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Eine neue Marke für den Fachinformationsdienst Musikwissenschaft: „Musiconn – Für vernetzte Musikwissenschaft“


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An der Bayerischen Staatsbibliothek in München (BSB) und an der Sächsischen Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek Dresden (SLUB) entstanden und entstehen Dienste für die musikwissenschaftliche Fach-Community im Rahmen des von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderten Projektes „Fachinformationsdienst Musikwissenschaft“. Seit Januar 2018 werden diese Dienste unter der neuen Marke „Musiconn – Für vernetzte Musikwissenschaft“ zusammengefasst, zu denen u.a. folgende Angebote gehören:

  • Virtuelle Fachbibliothek Musikwissenschaft (www.vifamusik.de) an der BSB
  • verstärkte Erwerbung bzw. Lizenzierung von Notendrucken, Musikliteratur, Musikzeitschriften und E-Medien an der BSB
  • musikwissenschaftliches Fach-Repositorium an der SLUB (musiconn.qucosa.de)
  • Weiterentwicklung und Betrieb des Präsentationssystems für das „Répertoire International des Sources Musicales“ (RISM-OPAC) an der BSB
  • Weiterentwicklung und Betrieb der RIdIM-Deutschland („Répertoire International d’Iconographie Musicale“) an der BSB
  • zentrales Rechercheinstrument für Music Performance Ephemera (Konzertprogramme) an der SLUB
  • Katalogisierung und Langzeitarchivierung von musikwissenschaftlich relevanten Webseiten an der BSB
  • Ausbau von RISM zu einem zentralen Nachweisinstrument für Musikdrucke des 16.-18. Jahrhunderts an der SLUB
  • Aufbau einer Melodiesuche basierend auf OMR-Daten („optical music recognition“) an der BSB

 

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Musik trifft Informatik – Bericht über einen Workshop bei der Jahrestagung 2017 der Gesellschaft für Informatik in Chemnitz


 

Wie passen Musik und Informatik zusammen? Welche Verfahren können verwendet werden, um Musik mithilfe von Computern zu analysieren? Welche Anwendungsszenarien könnten auf den Analyseergebnissen aufsetzen? Das sind einige der Fragen, die der Workshop „Musik trifft Informatik“ auf der Jahrestagung 2017 der Gesellschaft für Informatik zu beantworten versuchte. 16 Forschergruppen aus Deutschland, Österreich und Großbritannien präsentierten dort ihre Forschungsergebnisse und prototypische Anwendungen.[1]

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Abbildung 1: Logo der Tagung „Informatik2017“, Fotograf: Sebastian Heil / INFORMATIK 2017 / TU Chemnitz

Vom 25. bis 29. September 2017 fand an der Technischen Universität Chemnitz die 47. Jahrestagung der Gesellschaft für Informatik (GI) statt. Die von ca. 700 Teilnehmern besuchte Tagung stand unter dem Motto „Digitale Kulturen“ und bot ein vielfältiges Programm mit 220 Vorträgen, die in 37 Workshops und Tutorials sowie zwei Plenumsveranstaltungen gegliedert waren. Einer der Workshops trug den Titel „Musik trifft Informatik“ und soll in diesem Bericht näher betrachtet werden. Dabei geht es auch um die Frage, ob die in diesem Workshop vorgestellten Forschungen für Bibliotheken und speziell für Musikbibliotheken relevant sein könnten. Der Tagungsband der gesamten GI-Jahrestagung 2017 ist Tagungsband Informatik2017, die 14 Beiträge des Workshops „Musik trifft Informatik“ sind im 2600 Seiten umfassenden Tagungsband ab der Seite 47 zu finden. Alle 14 Workshop-Beiträge wurden in Chemnitz anhand von Postern präsentiert; 6 von diesen Beiträgen wurden auch in Vorträgen vorgestellt.

Musik kommt in verschiedenen Medienformen vor; zu einem musikalischen Werk gibt es Noten (in gedruckter oder auch in gescanntem Format) und meist auch Interpretationen auf Tonträgern oder in Form von Audio- bzw. Video-Dateien. Computergestützte Methoden können auf alle Formen der Musik angewendet werden. Bei dem Workshop in Chemnitz lag ein Schwerpunkt auf der computergestützten Analyse von Audio-Dateien, der sogenannten Audio-Signalverarbeitung. Andreas Arzt vom Institut für Computational Reception an der Johannes-Kepler-Universität in Linz stellte ein Forschungsprojekt vor, bei dem eine Audiodatei oder ein Live-Stream einer Musikaufführung analysiert und mit dem dazugehörigen Notentext in Verbindung gebracht wird (dieses Verfahren bezeichnet man auch als „score following“). Der Benutzer soll zu jedem Zeitpunkt am Notentext erkennen, welcher Takt gerade gespielt wird. Das in Linz entwickelte System kam u.a. bei einer Aufführung von Richard Strauss‘ Alpensinfonie durch das Concertgebouw-Orchester in Amsterdam zum Einsatz. Die Zuhörer konnten bei Interesse die Partitur der Alpensinfonie während des Konzertes auf Tablet-Computern mitlesen.

Das „score following“-Verfahren wurde auch bei einem Forschungsprojekt  eingesetzt, das in Kooperation der International Audio Laboratories in Erlangen mit dem Lehrstuhl für Informatik 6 (Datenmanagement, Prof. Dr. Klaus Meyer-Wegener) der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg durchgeführt wurde. Das entsprechende Poster beim Workshop in Chemnitz trug den Titel „Die Oper als Multimediaszenario: Wagners Walküren gehen online“. Es ging dabei um die Synchronisierung verschiedener über YouTube frei verfügbarer Videos der Wagner Oper „Die Walküre“ untereinander sowie mit dem entsprechenden Notentext und dem Libretto. Die Synchronisierungsinformationen wurden zum Teil manuell und zum Teil automatisiert ermittelt. Beispielsweise wurden die Taktanfänge innerhalb einer Video-Aufnahme mit der Software „Sonic Visualizer“ manuell erstellt und die Taktanfänge der anderen Video-Aufnahmen automatisiert ermittelt anhand der Referenz-Informationen aus der ersten Video-Aufnahme. Der in Chemnitz vorgestellte webbasierte Demonstrator ist online verfügbar, so dass jeder einen Eindruck von den Ergebnissen dieses Forschungsprojektes erhalten kann.

Frank Scherbaum vom Institut für Erd- und Geowissenschaften der Universität Potsdam hielt einen Vortrag mit dem Thema „Rechnergestützte Musikethnologie am Beispiel historischer Aufnahmen mehrstimmiger Musik georgischer Vokalmusik“. Er analysierte mit rechnergestützten Verfahren die im Jahr 1966 entstandenen Tonaufnahmen des georgischen Meistersängers Artem Erkomaishvili. Die mehrstimmige georgische Vokalmusik ist seit 2001 Bestandteil des immateriellen UNESCO-Weltkulturerbes. Ihre Harmonik unterscheidet sich sehr stark von der in der Musik der westlichen Welt üblichen Harmonik mit den 12 verschiedenen Halbtönen pro Oktave. Die georgische Vokalmusik ist nur mündlich überliefert und enthält für „westliche Ohren“ oft ungewohnte Intervalle, Harmonien und Harmoniefolgen. Frank Scherbaum hat rechnergestützte Audioanalyse-Methoden auf diese Musik angewendet und auf diese Weise Informationen zu den speziellen georgischen Intervallen und Harmonien erhalten. Er hat auch selbst weitere Tonaufnahmen während mehrerer Forschungsaufenthalte in Georgien erstellt und dort Kehlkopfmikrofone eingesetzt, um die Einzelstimmen der verschiedenen Sänger besser voneinander trennen zu können.

Hannah Lukashevich stellte das Projekt „Soundslike“ vor. Sie kommt vom Fraunhofer-Institut für Digitale Medientechnologie (IDMT) in Ilmenau, das vom Erfinder des mp3-Formats, Prof. Karl-Heinz Brandenburg, geleitet wird. Im Soundslike-Projekt wurde eine große Datenbank aufgebaut, in der automatisch extrahierte Merkmale aus Audioaufnahmen (z.B. zur Harmonie, zum Rhythmus und zum Tempo der Musik) abgespeichert wurden. Diese Informationen wurden dann dazu verwendet, dem Benutzer ähnliche Musikstücke vorzuschlagen. Die am IDMT entwickelte Technologie kommt auch bei der Gesellschaft für Konsumforschung zum Einsatz, um in 10.000 repräsentativ ausgewählten deutschen Haushalten anhand von Audio-Fingerprinting das TV-Verhalten zu ermitteln.

Der letzte Vortrag beim Workshop in Chemnitz trug den Titel „Versionsübergreifende Visualisierung harmonischer Abläufe: Eine Fallstudie zu Wagners Ring-Zyklus“. Dort wurde ein Kooperationsprojekt zwischen den International Audio Laboratories Erlangen und dem Institut für Musikwissenschaft der Universität des Saarlandes vorgestellt, bei dem Aufnahmen von Wagners Ring mit computergestützten Methoden analysiert wurden und die Harmonik im Zeitverlauf visuell dargestellt wurde. Diese Visualisierung kann dabei helfen, musikwissenschaftliche Fragestellungen zu beantworten wie z.B. die Hypothese der „wandernden Tonalitäten“ bei Wagner oder den Begriff der „dichterisch-musikalischen Periode“. Obwohl die Musikinformatik eine sehr interdisziplinäre Fachrichtung ist, war diese Fallstudie zu Wagners Ring-Zyklus das einzige in Chemnitz vorgestellte Projekt, bei dem ein Lehrstuhl für Musikwissenschaft einer der Projektpartner ist.

Aus der Sicht von Musikbibliotheken sind einige der im Chemnitzer Workshop vorgestellten Projekte durchaus interessant. Bei der Überlegung, welche der vorgestellten Systeme oder Technologien in Musikbibliotheken eingesetzt werden könnten, stößt man allerdings aus rechtlichen und implementationstechnischen Gründen schnell an Grenzen. Das in Deutschland gültige Urheberrecht und Leistungsschutzrecht verbietet die Online-Bereitstellung von Werken, deren Urheber noch keine 70 Jahre tot sind, und von Aufnahmen, die jünger als 70 Jahre sind. Es gibt daher in Musikbibliotheken wenige Audio-Aufnahmen, auf die man die in Chemnitz vorgestellten Systeme anwenden könnte, ohne dass die Bereitstellung des Systems auf die Räume der Bibliothek beschränkt wäre. Eine weitere Schwierigkeit betrifft den Prozess der Softwareentwicklung. Die meist an Universitäten oder anderen Forschungseinrichtungen entwickelten Systeme schaffen selten den Übergang von einem Prototyp zu einem produktiven System. Um eine Software produktiv einsetzen zu können, sind zeitaufwändige Weiterentwicklungen am Prototyp notwendig, die allerdings für die Universitäten weniger interessant sind. Somit müsste diese Weiterentwicklung und auch die weitere Wartung und Pflege der Software von den Bibliotheken geleistet werden. Da die Bibliotheken bei der Erstellung des Prototyps nicht eingebunden waren, fehlt ihnen allerdings dazu oft das notwendige Know-How.

[1] Dieser Bericht erschien auch in der Ausgabe 6/2018 der Zeitschrift b.i.t.online

Jürgen Diet, stellv. Leiter der Musikabteilung der Bayerischen Staatsbibliothek

 

 

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Neuer Beitrag des MIZ beleuchtet Entwicklungen des Fachs Musikwissenschaft


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Über die Musikwissenschaft ist die Musik als Gegenstand ein integraler Teil der deutschen Wissenschaftslandschaft. Sie ist derzeit an den meisten Universitäten, an allen Musikhochschulen und in zahlreichen außeruniversitären Forschungseinrichtungen vertreten. Über den engeren akademischen Bereich hinaus sind musikwissenschaftliche Fragestellungen und Methoden in der öffentlichen Wahrnehmung aber auch dauerhaft präsent durch eine reiche Anzahl von Museen, Bibliotheken und Archiven in öffentlicher wie privater Trägerschaft, über vielfältige Tätigkeitsfelder in Theatern, Orchestern, im Rundfunk und in Verlagen sowie ganz grundlegend im Musikunterricht der allgemein bildenden Schulen. In Wissenschafts- wie Kulturverwaltung, -verbänden und -politik sowie in der Kreativwirtschaft wird ebenfalls vielfach musikwissenschaftliche Expertise wirksam.

In einem neuen Fachbeitrag des Deutschen Musikinformationszentrums (MIZ) informiert Prof. Dr. Dörte Schmidt, Präsidiumsmitglied des Deutschen Musikrats und Präsidentin der Gesellschaft für Musikforschung, über die Entwicklungen des Fachs Musikwissenschaft und gibt Einblicke in Forschungsrichtungen, Ausbildungswege sowie Berufsfelder. Der Beitrag ist im Informationsportal des MIZ unter www.miz.org als PDF abrufbar.

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Digitale Musikwissenschaft – Neue Fachgruppe der Gesellschaft für Musikforschung eingerichtet


Nicht erst der XVI. Internationale Kongress der Gesellschaft für Musikforschung (GfM) im September 2016 in Mainz hat gezeigt, wie weitreichend die Verwendung digitaler Medien inzwischen im Fach Musikwissenschaft fortgeschritten und mit musikwissenschaftlichen Fragestellungen verwoben ist. Dies betrifft Arbeits- und Publikationsmöglichkeiten innerhalb der Disziplin ebenso wie Forschungsansätze und methodische Überlegungen, die einerseits Ursache und andererseits Folge vielfältiger, mit der Digitalität zusammenhängender Veränderungen sind. Bereits im Herbst 2015 gab es erste Bestrebungen, mit der ›Initiative Digitale Musikwissenschaft‹ für diesen Bereich ein spezialisiertes Forum innerhalb der GfM zu schaffen, das der Diskussion einen adäquaten Raum im Fach gibt und als Interessenvertretung wirkt. Im Rahmen ihrer diesjährigen Jahrestagung in Kassel bestätigte die Mitgliederversammlung der GfM die Überführung dieser Initiative in eine Fachgruppe. Mit der Einrichtung der Fachgruppe ›Digitale Musikwissenschaft‹ wird u. a. auch auf eine Tendenz reagiert, die sich im Laufe der vergangenen Jahre bereits abzeichnete, nämlich: Digitalität und digitale Anliegen der Musikwissenschaft beinahe überwiegend in anderen Kontexten (etwa dem Verband DHd – ›Digital Humanities im deutschsprachigen Raum‹) zu verhandeln. Mit der Fachgruppe steht nun innerhalb der GfM ein sachkundiger Ansprechpartner für externe DH-Verbände zur Verfügung, was für die Kommunikation neuer Forschungsansätze und Fördermöglichkeiten von Bedeutung ist.
Die neue GfM-Fachgruppe ›Digitale Musikwissenschaft‹ zielt darauf ab, den in regem Austausch stehenden interessierten Beteiligten eine gemeinsame Plattform zu geben und gleichzeitig auch für die GfM zum kompetenten Ansprechpartner in den eigenen Reihen zu werden. Aufgrund mangelnder Institutionalisierung derzeit auftretende infrastrukturelle Schwierigkeiten können dadurch in Zukunft behoben werden, was wiederum die gemeinsame Zusammenarbeit vereinfachen sollte.
Inhaltlich stehen, wie schon im Rahmen eines Treffens der ›Initiative‹ auf der Tagung des DHd-Verbandes Anfang März 2016 in Leipzig herausgearbeitet werden konnte, mehrere Komplexe im Zentrum des allgemeinen Interesses der Beteiligten. Zu nennen wären neben einer Reflexion von Konsequenzen ›der‹ Digitalisierung in all ihren Facetten für die Musikwissenschaft vor allem der große Bereich der Nachhaltigkeit digitaler Forschungsarbeiten und die Datenstabilität sowie die Langzeitverfügbarkeit von Daten sowie Präsentationsformen. Um eine diskursive Anschlussfähigkeit und Zitierbarkeit bzw. Referenzierbarkeit zu gewährleisten, ist die Einigung auf eine Einheitlichkeit von Formaten innerhalb einer Disziplin von essentieller Bedeutung. Die Fachgruppe ›Digitale Musikwissenschaft‹ könnte hier als Ansprechpartner und als zentrale Gesprächsplattform für die Artikulation von Zielen und Bedürfnissen des Fachs und als ›Think Tank‹ für die Erarbeitung gemeinsamer, tragfähiger Lösungen dienen.
Das Spektrum der in der Fachgruppe repräsentierten musikwissenschaftlichen Themen ist nicht beschränkt (etwa auf digitale Musikedition, computergestützte Analyse o. Ä.), sondern im Gegenteil bewusst offen. Insofern als gerade kein bestimmtes musikwissenschaftliches Arbeitsfeld, sondern übergreifende Fragen der mit der Digitalisierung verbundenen methodischen und forschungspolitischen Implikationen Gegenstand der Fachgruppenarbeit sein werden, ergänzt die Fachgruppe ›Digitale Musikwissenschaft‹ die bereits bestehenden GfM-Fachgruppen in idealer Weise: Es erscheint notwendig und vielversprechend, Diskussionen rund um die Digitalität gerade nicht (bzw. nicht ausschließlich) in separaten Gegenstandsbereichen, sondern vor allem auch im fachweiten und gegenstandsübergreifenden Austausch zu entwickeln. Explizit geht es auch um einen Dialog beispielsweise zwischen unabhängigen Musikwissenschaftler_innen und Vertreter_innen von Hochschulen und Gedächtnisinstitutionen. Es handelt sich bei dieser Fachgruppe um einen genuin neuen Ansatz innerhalb der GfM.
Die seit Ende 2015 existierende Mailingliste der damaligen ›Initiative Digitale Musikwissenschaft‹ umfasst bereits mehr als 110 Teilnehmer_innen. Alle interessierten Musikwissenschaftler_innen sind sehr herzlich eingeladen, sich in der Mailingliste zu registrieren (subscribe: https://www.listserv.dfn.de/sympa/subscribe/digmus) und an der Arbeit der Fachgruppe mitzuwirken.

Jun.-Prof. Dr. Stefanie Acquavella-Rauch, Sprecherin der Initiative Digitale Musikwissenschaft

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Bayerische Staatsbibliothek startet Wunschbuch-Service für das Fach Musikwissenschaft


Die Bayerische Staatsbibliothek hat Anfang Juli 2017 ein Web-Formular freigeschaltet, über das Benutzer der BSB Anschaffungsvorschläge für den Sammelschwerpunkt Musikwissenschaft mitteilen können. Über dieses Formular können Wünsche und Hinweise zu Bestandslücken, wissenschaftsrelevanten Webinhalten und Forschungstrends übermittelt werden. Die BSB prüft anschließend, ob sie die Vorschläge in ihr Angebot aufnehmen kann. Das Web-Formular ist hier zu finden:
https://www.bsb-muenchen.de/sammlungen/musik/fachinformationsdienst/wunschbuch/

Das Wunschbuch-Formular ist ein weiteres Angebot der BSB, um auf konkrete Wünsche der Fach-Community einzugehen und wurde im Rahmen des von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten Projektes „Fachinformationsdienst Musikwissenschaft“ aufgebaut.

Jürgen Diet, stellv. Leiter der Musikabteilung der Bayerischen Staatsbibliothek und Projektkoordinator des „FID Musikwissenschaft“

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